Thüringer Zister
Andreas Michel
Die ältesten Quellen zum Zisternspiel und -bau in Thüringen stammen aus dem 16. Jahrhundert.
In der Nordhäuser Schulordnung von 1583 wird den Schülern das "Spatzieren in den Gassen bei Tag und Nacht und Nebel, mit Lauten, Zinken, Cithern und andern Instrumenten, zu jeder Jahreszeit" verboten (nach G. Kraft: Die Grundlagen der thüringischen Musikkultur um 1600. Würzburg 1941, S. 171)
Im zweiten Teil des "Adelsspiegels" von Cyriak Spangenberg heißt es 1594: "Andere haben ire lust / das sie viel Gesinde / Knecht und Diener haben / als man wol findet / die beneben ihren eigen Schneidern / Reitschmieden und Barbierern / auch ihre eigen Trummeter / Lautenisten oder Citharschlager / Sackpfeiffer / Geuckler und Stocknarrn haben". (Cyriak Spangenberg: Ander Teil des Adelsspiegels, Schmalkalden 1594, S. 456v.)
Am berühmtesten dürfte wohl Johann Sebastian Bachs Zeugnis über seinen zisterspielenden Vorfahren Veit Bach, der 1619 starb, sein:
"Vitus Bach, ein Weißbecker in Ungern, hat im 16ten Seculo der lutherischen Religion halben aus Ungern entweichen müßen. Ist dannenhero, nachdem er seine Güter, so viel es sich hat wollen thun laßen, zu Gelde gemacht, in Teütschland gezogen; und da hat er in Thüringen genugsame Sicherheit vor die lutherische Religion gefunden, hat er sich in Wechmar, nahe bei Gotha niedergelaßen, und seines Beckers Profession fortgetrieben. Er hat sein meistes Vergnügen an einem Cythringen gehabt, welches er auch mit in die Mühle genommen, und währendem Mahlen darauf gespielet. (Es muß doch hübsch zusammen geklungen haben! Wiewol er doch dabey den Tact hat sich imprimiren lernen.) Und dieses ist gleichsam der Anfang zur Music bey seinen Nachkommen gewesen." (Johann Sebastian Bach: Die "musicalisch-Bachische Familie", Leipzig 1735. Nach: Bach-Dokumente, Bd. I, Leipzig 1963, S. 255)
Auf den Bau von Zistern verweisen 1601 Renthereyrechnungen des Erfurter Lautenmachers Steffen Anemann für den Sondershäuser Hof.
Nach Ausweis von "Renthereyrechnungen" des Sondershäuser Hofes wurden im Jahre 1601 an den Erfurter Lautenmacher Steffen Anemann 11 Gulden 9 Gr. für neue Lauten- und Zitherinstrumente bezahlt. Bei besonderen Anlässen wurden die Hofmusiker durch fremde Musikanten verstärkt; nach den "Renthereyrechnungen" erhielten bei einer solchen Gelegenheit der Lautenist Hübner 16 und der Zitherist Jahn aus Halle 8 Gulden. (nach G. Lutze: Aus Sondershausens Vergangenheit, Band II, Sondershausen 1909, S. 122f.; F. W. Beinroth: Musikgeschichte der Stadt Sondershausen von ihren Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Innsbruck 1943, S. 95f.)
Instrumenteninventar von Peter Hackenbroich. Am 8.8.1611 inventarisierten die Sachverständigen Arnold Findinger und Hans Helmer in der Wohnung und Werkstatt des verstorbenen Lautenmachers und -händlers Peter Hackenbroich vor dem Rannischen Tor und verzeichneten u.a. (nach Wustmann 1909, S. 166f. und 203):

"2 Zittern zusammen vor 12 g."
"3 erffurdische bauchzittern zu 15 g. 9 æ"
"4 Cölnische Zittern, in Futtern zus. 15 f."
"7 Erffurdische schlechte Zittern zus. 3 f. 7 g."
"Vier Erffurdische Zittern, ie 19 g 9 æ"
"2 Leipzigische Zittern zus. 1 f."
"62 Zitterdecken, 62 g."
"64 geschnittene Zitter- und Geyenhälse, je 3 g."
"33 eingesenckte Zitterstern, je 2 g."
"34 schlechte zitterstern, je 8 æ"
"4 Dutzend Dennene Zitter Köpf, zus. 1 f."
"1 klein Kestlein mit Meßingen und hülzern Zittergriffen, zus. vor 5 g."
"Allerley Zittersaiten 10 g 6 æ"
Zehn Jahre später werden in dem Inventar des Leipziger Lautenmachers und -händlers Peter Hackenbroich Erffurdische Zittern, Erffurdische Bauchzittern und Erffurdische schlechte Zittern aufgeführt. Allerdings ist anhand der Inventaraufzeichnungen nicht zu klären, ob es sich hier um ein oder mehrere spezielle Erfurter Zisternmodelle oder ob es sich lediglich um Zistern aus Erfurt oder auch der Umgebung von Erfurt handelte. Die Einteilung der Instrumente in zwei Kategorien: (gewöhnliche) Erffurdische Zittern und Erffurdische schlechte Zittern deutet auf unterschiedliche qualitative Ausführungen der Instrumente hin. In dem Inventar werden vier Instrumente der besseren Kategorie auf einen Wert von je 19 Groschen und 9 Pfennigen geschätzt, während die sieben "schlechten" Zistern mit insgesamt 3 Gulden und 7 Groschen ausgewiesen wurden. Daß heißt, der Wert einer Erffurdischen schlechten Zitter betrug etwa die Hälfte des Wertes eines Instruments der anderen Kategorie (Zugrunde gelegte Wertangaben: Gulden 1584, Sachsen, 1 Gulden =  21 Groschen; nach H. Kahnt und B. Knorr: Alte Maße, Münzen und Gewichte, Leipzig 1986, S. 114).
Für das nur etwa 15 km westlich von Erfurt liegende Grabsleben bescheinigt 1684 Georg Michael Pfefferkorn den Zisternbau:
"sonderlich wird die Music in Kirchen und Schulen / in Städten und Dörffern fleisig getrieben; Die Thüringer wissen was die Alten ** gesagt / (illum non esse harmonice compositum, qvi Musicam non amat) der hätte keine Proportion weder am Gemüthe noch am Leibe / der nicht ein Liebhaber der Sing-Kunst were. Daher / daß der Fürstl. und Gräfl. Capellen nicht gedenke / ist sonderlich in den Kirchen zu Gotha / und den umliegenden Dorffschaften / eine solche Vocal- und Instrumental-Music / daß auch manches unter angeführten Dörffern dißfalß besser ist / als die Städte in andern Provinzen.
Es werden dieser Orten / weil auch die Bauren die Instrumente verstehen / nicht allein allerhand Seitenspiele von Violinen und Violonen / Viol di Gamben / Clavizimbeln / Spinetten / Zitrinchen / auff Dörffern / sonderlich zu Grabsleben verfertigt / sondern man findet auch oft in geringen Kirchspielen Orgel-Werke mit so vielen Auszügen und Variationen / daß man sich darüber verwundern muß. Insonderheit aber haben die Lindemanni / Altenburgii / Ahlen / Brigel / Bachen und andre / mit ihrem Componiren / dieser Provinz nicht einen geringen Nahmen wegen der Music gemacht." (Georg Michael Pfefferkorn: Merkwürdige und auserlesene Geschichte von der berühmten Landgrafschaft Thüringen, Frankfurt und Gotha 1684, S. 41f.)
Eine der wichtigsten Quellen aus dem 17. Jahrhundert für das Zisternspiel in Thüringen stellt die Tabulatur im sogenannten Stammbuch des Elias Walther dar.
Stammbuch Elias Walther, um 1660-1664; Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Musikabteilung, Mscr. Dresd. App. 1548; französische Lautentabulaturschrift, 4 Linien, für vierchörige Zister, um 1660-1664; 186 fol. und 1 Vorsatzblatt (Rückseite leer), unbeschrieben f. 19v-21, 64-68, 69v-73, 74v, 75v, 76v-78, 79v-82, 83v, 84v, 85v, 86v, 87v-92, 93v, 94v, 95v, 96v, 97v, 99v, 100v, 102v-105; 9,0 x 15,5 cm, Tab. Teil: f. 1-12, 22-54r, für vierchörige Zister, Streichungen: f. 31v; Titel: Vorsatzbl. Ir "Sperat infestis, metuit secundis / Alteram sortem benè praeparatum / Pectus, informes hyemes reducit / jupiter, idem / summovet. Non sie malè nunc, et olim / Sic erit. - Horat. Od. 10 lib. 2. / Elias Walther, Arnstadia Thuringus", Stammbuch des Elias Walther, dessen erster Teil - etwa ein Viertel des Volumens umfassend - ziemlich geschlossen die Niederschrift in Tabulatur enthält, deren Schriftmerkmale kaum schwanken. Danach Widmungseintragungen von Professoren und Kommilitonen, deren Datierungen sind: Straßburg und Stuttgart 1664, Tübingen, Heidelberg und Frankfurt a.M. 1667. Da Walther durch die Tübinger Promotion 1664 bekannt ist, darf angenommen werden, daß der Tabulatur-Teil wenige Jahre zuvor, wohl in der Studentenzeit aufgezeichnet wurde. Mit Beginn der Widmungseintragungen f. 69r (1664) scheinen keine weiteren Ergänzungen in der Tabulatur vorgenommen worden zu sein; Bünde a - k, rhythmische Zeichen über dem System, Verzierungs- und Fingersatzzeichen fehlen, 1 Schreiber (Elias Walther), dunkelbrauner Ledereinband der Zeit, Goldschnitt, originale Heftung; freie Instrumentalsätze, Tänze, Arien, deutsche Liedsätze. Vgl. Boetticher 1978, S. 93f.; Reich 1970, S. 34; Katalog der Handschriften der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden, Band V, Dresden 1986, S. 240.
Elias Walther stammte aus Arnstadt, das sich in unmittelbarer Nähe von Grabsleben, Crawinkel und Erfurt - Zentren des thüringischen Zisternbaus - befindet. Die in Walthers Stammbuch intavolierten Stücke verweisen auf eine vierchörige Zister in jener Stimmung, wie sie Michael Praetorius 1619 für das Klein Englisch Zitterlein dokumentierte: f² b' d² g². Nachdrücklich bemerkte er dazu: "Denn die Secund, oder der vierdte Chor wird nur umb eine Secund niedriger / als die Quint oder erste Chor gestimmet" (Praetorius 1619, S. 55).
Da insbesondere in sächsischen Quellen nach 1620 das Klein Englisch Zitterlein mehrfach erwähnt wird, unter anderem am Dresdner Hof, darf auf eine Verbreitung der entsprechenden Stimmung geschlossen werden.
Heinrich Schütz: Memorial, Dresden 1625, H. St. A. Dresden Loc. 8687 Kantoreiordnung so Kurfürst Moritz ... 1548, Bl. 49, undatiert; Schütz erwähnte in diesem Memorial "Wegen Michael Mölichs seeligen zweyer hinterlassenen Capelknaben" als einen der beiden Knaben Gabriel Günther "mit dem kleinen Englischen Cytherlein". In einem späteren Memorial "In Musicanten sachen" vom 14. 7. 1628 wird Günther als "Discantist" geführt und in einem Musikantenverzeichnis von 1631 heißt es: "Gabriel Günther. gebrauchet das Englische Citherlein." Günther starb 1633. In einem weiteren Memorial von Schütz (H. St. A. Dresden, Collection Schmidt, Amt Dresden, Vol. X, Nr. 284; vgl. Faksimile in MGG III, S. 765) findet "Hans Pelz welcher itzo zu Berlin bey dem Engelländer auf dem Citerlein lernet" Erwähnung. (Nach Müller 1931, S. 88, 93, 114, 328; Becker-Glauch 1951, S. 86)
Kantoreiordnung so Kurfürst Moritz ... 1548, H. St. A. Dresden Loc. 8687, Bl. 53; das 1627 verfaßte "Verzeichnüs derer Personen aus den Musicanten welche zu der Aufwartung beydes an den Predigttagen vundt bey der Taffel, mit nacher Mulhaussen könten genomen werden", führt unter Nr. 14 auf: "Beltz. mit dem Englischen Cytherlein." Johann Peltz wurde nach Berlin geschickt, um bei dem "englischen Musicus" das Zisternspiel zu erlernen. 1627 ist er wieder in Dresden; er starb vor 1633. (Nach Müller 1931, S. 86, 324)
Sie weist einige Merkmale auf, die sie als "Übergangsstimmung" von den klassischen Zisternstimmungen des 16. Jahrhunderts zu den modernen Zisternstimmungen Thüringer Provenienz qualifizieren: a) Sie enthält keine Oktavierungen innerhalb der einzelnen Saitenchöre; b) die Inversion der Saitenchöre bleibt zwar weiter bestehen, aber das Sekundintervall zwischen 1. und 2. Chor wird vermieden und durch die "moderne" Quarte ersetzt:
Zisterntyp Quelle Stimmung
Italianische Cither, 16. Jh. Praetorius 1619, S. 54 h g d' e'
Thüringer Zister, 17. Jh. Stammbuch Walther, um 1660 d' g h e'
Thüringer Zister, 18./19. Jh. Roese 1896, S. 24 & Herold 1920: "Bergmannsstimmung" g h d' g'
Die jüngste Stimmung hebt die Inversion der Saitenchöre gänzlich auf und verändert den höchsten Chor in g', um das Quartintervall zu bewahren. Damit wird aus der ursprünglichen und nur auf die Chöre 2 bis 4 beschränkten Dreiklangsstimmung eine reine G-Dur-Stimmung.
Im 18. und 19. Jahrhundert erfahren die Thüringer Zistern eine Erweiterung der Saitenzahl. Man kann die Fünfchörigkeit als Standard annehmen, jedoch treten häufig zusätzliche Erweiterungen mit Baßsaiten auf. Im Unterschied zu den Theorbenzistern werden die zusätzlichen, neben dem Griffbrett geführten Saiten allerdings nicht größer mensuriert. Als Obersattel dient in der Regel der über das Griffbrett seitlich hinausragende 0.-Bund (vgl. Inv.-Nr. 3320).
Für diese Instrumente galten ebenfalls Grundstimmungen auf Dreiklangsbasis, wobei jedoch das Quartintervall zwischen 3. und 4. Chor lag. Für die Stimmung der zusätzlichen Baßsaiten kann eine relative Variabilität angenommen werden.
Das unweit von Eisenach gelegene Dorf Crawinkel war ein historisch bedeutsames Zentrum des thüringischen Musikinstrumentenbaus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte dort die Herstellung von Zistern eine beachtliche Blüte. In der Regel waren es Geigenmacher, die sich mit dem Zisternbau befaßten und ein, wenn auch individuell variiertes, typisches regional definiertes Modell schufen. Von verschiedenen Instrumentenmachern sind zahlreiche Zistern bekannt: Johann Wolfgang Wolf (1731-1808), Johann Caspar Wolf (1757- nach 1800), Georg Nicolaus Köllmer (1775-1850), Johann Christian Bäumler (1820-1879).
Die heute als Thüringer Zither bezeichneten Instrumente lassen sich im wesentlichen auf zwei Modelle zurückführen, die sich durch die Korpusform, die Ausführung von Halsklotz und Halsansatz, die untere Saitenbefestigung und die Wirbelkastengestaltung unterscheiden.
Aus einem Vergleich der Zistern Inv.-Nr. 635 und 636, die für beide Modelle repräsentativ sind, gehen die markanten Unterschiede hervor. Beide Instrumente weisen zwar zunächst einen ähnlichen Korpusaufbau auf - je zwei Decken- und Bodenrippen sitzen auf Seitenklötzen - jedoch sind für sie jeweils individuelle technologische Lösungen für die Gestaltung des Halsklotzes und -ansatzes charakteristisch. Bei Inv.-Nr. 636 münden die Zargen in den eingeschnittenen Halsstock, der zusammen mit dem Oberklotz aus einem Stück gefertigt wurde. Dabei wurde der Oberklotz nicht der Zargenbiegung angepaßt, sondern einfach in rechteckiger Form zur Verkeilung der Zargen im Halsstock verwandt.
Zargenverbindung am Halsstock bei Thüringer Zistern;

links: Crawinkeler Modell (Inv.-Nr. 635),
rechts: Inv.-Nr. 636)
 
1 = Halsstock
2 = Zargen
3 = Profilleistchen über Fuge von Zarge und Halsstock
  Inv.-Nr. 635 Inv.-Nr. 636
 Korpuslänge 387 340,5
 max. Korpusbreite 264,7 272,4
 Kl : Kbmax 1,462 
(19 : 13)
1,25 
(5 : 4)
Bei der Zister Inv.-Nr. 635 wurden die Zargenenden großflächig auf den Oberklotz geleimt, die Fuge von Halsstock und Zarge verdeckt ein zisterntypisches Profilleistchen (in der Literatur meist als "Halbsäulchen" bezeichnet), das auf der Bodenplatte aufsitzt. Die unterschiedliche Technologie der Zargen-Halsstock-Verbindung wirkt sich auf die Korpusproportionen unmittelbar aus.
Beide Modelle unterschieden sich weiterhin durch die Art der unterständigen Saitenbefestigung. Bei Inv.-Nr. 635 werden die Saiten einfach an Stifte geknüpft und über einen in die Deckenkante eingelassenen Untersattel aus Hartholz geführt. Die Zistern des anderen Modells (Inv.-Nr. 636) besitzen einen Saitenhalter aus Metallhaken, die durch einen auf der Deckenkante sitzenden Untersattel verlaufen.
Thüringer Zister, um 1800, unsigniert, Inv.-Nr. 636
Unterständige Saitenbefestigung
Die Thüringer Zistern des 18. und 19. Jahrhunderts weisen zudem in der Regel an den Stirnkanten der Griffbretter ausgestochene Klammerprofile auf. Dabei sind zahlreiche individuelle Gestaltungen zu erkennen, die möglicherweise für ihre Hersteller oder deren Werkstätten eine Art Identifikationsmerkmal bilden.
Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich sowohl in als auch außerhalb Thüringens für die Zister der Name Thüringer Zither eingebürgert. Wohl unter dem Konkurrenzdruck der modernen - halslosen - Konzertzither vom Salzburger oder Mittenwalder Typ, auf die der historische Name des Halschordophons übertragen wurde, machte sich ein definitorischer Namenszusatz notwendig. 1865 findet sich in der Literatur mit Thüringische Bergmannslaute eine der frühesten Erwähnungen (Gustav Klemm: Vor fünfzig Jahren. Culturgeschichtliche Briefe, Bd. 1, Stuttgart 1865, S. 230). Seit den vierziger Jahres des 19. Jahrhunderts ist der Name "Waldzither" nachweisbar.
Das 1879 von Hermann Mendel und August Reißmann herausgegebene "Musikalisches Conversations-Lexikon" beschreibt die Thüringer Zither mit bemerkenswerter Präzision: "In unserer modernen Musik findet diese Art von Zither, welche in früheren Jahrhunderten einen nicht unbedeutsamen Platz in der Instrumentalmusik einnahm, nur selten und ausnahmsweise Verwendung. Jedoch hat sie sich als Volksinstrument in Deutschland bei den Thüringer Bergleuten bis in die Gegenwart im Gebrauche erhalten. Diese Thüringer Zither wird in drei verschiedenen Grössen, als Discant-, Tenor- und Basszither angewendet. Jede derselben ist mit 4 Metall-Doppelsaiten bezogen, welche mit einem Federkiele oder mit den Fingern der rechten Hand intonirt werden, während die linke Hand die Griffe auf derselben ausführt. Die Saiten der Discantzither stimmen in a d' fis' a', die der Tenorzither in g c' e' g', der Basszither in e a c' e'. Der Tonumfang einer jeden dieser Zither beträgt in chromatischer Tonfolge zwei Octaven." (Hermann Mendel und August Reißmann: Musikalisches Conversations-Lexikon, 11. Band, Berlin 1879, S. 495)
Allerdings finden sich in den Publikationen fortan vor allem Erwähnungen, die den Rückzug des Instruments dokumentieren und, ausschließlich auf Sekundärquellen basierend, zunehmend Irrtümer - wie im folgenden Beispiel zu den Bünden - kundtun: "Die sogenannte Thüringer Zither ist einer Laute ähnlich, am Boden nicht ausgebaucht und hat um den Hals festgebundene Darmsaiten als Bünde oder Positionen." (A. Guckeisen: Die Geschichte der Musikinstrumente. Guitarre und Zither. In: Neue Musik-Zeitung. Illustriertes Familienblatt. V. Jahrgang, Köln 1884, S. 39).
Als eine der informativsten Quellen zur Thüringer Zister aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert darf das von Hans von Au verfasste Lehrwerk gelten, dessen Einleitung Angaben zu Besaitung, Stimmung und Spielweise enthält.
H. v. A.: Leicht faßl. Anleit. zum Spiel der Thür. Zither, Mannheim o.J. (vor 1912); S. 1-4 H. v. A.: Leicht faßl. Anleit. zum Spiel der Thür. Zither / bestehend aus leicht. Tänzen / einfachen / Volksmelodien und / Uebungsstücken, redigiert von Fritz Werner, K. Ferd. Heckel, Mannheim o.J. (vor 1912)

Die Originalausgabe diese Schule: "A., H. v.: Anleitung zum Spiel der Thüringer Zither" erschien bereits vor 1868 im Weimarer Verlag Kühn Weimar
Thüringer Zister  Chöre  Mensur  Stimmlage
 Inv.-Nr. 3322 5 353 "Diskant"
 Inv.-Nr. 634 5 413 "Tenor"
 Inv.-Nr. 3320 7 413 "Tenor"
 Inv.-Nr. 636 5 415 "Tenor"
 Inv.-Nr. 635 5 (6) 475 "Baß"
 Inv.-Nr. 638 5 480 "Baß"
 Inv.-Nr. 637 6 475 "Baß"
Die Mensuren der Thüringer Zistern weisen erhebliche Unterschiede auf, die jedoch merklich eine Tendenz zur Familienbildung erkennen lassen: Es lassen sich deutlich drei Gruppierungen herauslesen:

a)   Instrumente mit Mensuren um 355/360 mm;
b)   Instrumente mit Mensuren um 415 mm und
c)   Instrumente mit Mensuren um 475 mm.

Umgerechnet auf Intervallverhältnisse steht die kleinste Mensurierung etwa eine Quarte und die mittlere etwa eine kleine Terz über der größten Mensur. Damit entsprechen die Zistern der in der Literatur angegebenen Familienbildung: Baßzister in A, Tenorzister in C und Diskantzister in D (die kürzeste Mensur kann möglicherweise der Terzzister in Es zugeordnet werden). Die Bezeichnungen dürften allerdings hauptsächlich zur Unterscheidung von Baugrößen, weniger zur Definition von deutlich und funktional abgesetzten Stimmlagen dienen.
Hermann Mendel und August Reißmann: Musikalisches Conversations-Lexikon, 11. Band, Berlin 1879, S. 495: "Diese Thüringer Zither wird in drei verschiedenen Grössen, als Discant-, Tenor- und Basszither angewendet. Jede derselben ist mit 4 Metall-Doppelsaiten bezogen, welche mit einem Federkiele oder mit den Fingern der rechten Hand intonirt werden, während die linke Hand die Griffe auf derselben ausführt. Die Saiten der Discantzither stimmen in a d' fis' a', die der Tenorzither in g c' e' g', der Basszither in e a c' e'. Der Tonumfang einer jeden dieser Zither beträgt in chromatischer Tonfolge zwei Octaven."
Bis zur Gegenwart hat sich die Tradition des Zisternspiels in einigen Gebieten Thüringens erhalten, wenngleich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein erheblicher Rückgang im Gebrauch der Zister, bedingt durch den Einfluß des Gitarrenspiels, registriert werden muß.
Das "Welt-Adreßbuch der gesamten Musikinstrumenten-Industrie" von Paul de Wit verzeichnet in seiner Ausgabe von 1912 nur noch drei Thüringer Zisternhersteller:
Großbreitenbach "Kilian Cramer (Inh. Caesar Cramer und Rudolf Otto), Spielwaren-Fabrik, fertigt als Spez.: Kindergeigen, Trommeln, Tambourins usw. Gegr. 1900" (de Wit 1912, S. 143, 1293)
Schmiedefeld "Otto Annemüller, Verf. von Thüringer Volkszithern." (ebd., S. 284)
Suhl "F. S. Möller, Albrechtser Berg 7, Verfertiger der "Thüringer-Wald"-Zithern." (ebd., S. 303)
 Glockenname I. II.
 Glitzer c''' es'''
 Böller e"/g" g"/b"
 Lammschellen c'' es"
 Beischlag g' b'
 Auwschellen e' g'
 Halbstumpf c' es'
 Mengel g b
 Mittelstumpf e g
 Baß c es
 Generalbaß G B
Bis in das späte 19. Jahrhundert gehörten die Zistern jedoch zu den dominierenden und gut bekannten Musikinstrumenten. Eindrucksvoll wird diese Behauptung durch ein indirektes Zeugnis belegt: Die Dreiklangsstimmung der Zister diente als Vorbild und Hilfe zum Abstimmen von Herdengeläuten. Die Hersteller der "Viehschellen", das heißt, von geschmiedeten Klöppelglocken, stimmten das bis zu zehn Größen umfassende Geläut nach der Bergmannszither (A. Röse: Das Herdengeläut im Thüringer Wald. In: Leipziger Illustrierte Zeitung, 13.6.1857, Nr. 728, S. 471-473; siehe auch E. Mascher: Brauchgebundene Musikinstrumente in Niedersachsen. Hildesheim 1986, S. 54). Für das "Kingsche" (= hohe) Geläut beispielsweise existierten zwei Stimmverfahren "nach der Bergmannszither". Der ersten Stimmung lag diejenige der sogenannten "Tenorzither" (in c), der zweiten die der "Terzzither" (in es) zugrunde.
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