Die Zister - organologische und terminologische Definition
Andreas Michel
Aus systematischer Sicht werden unter Zistern Kastenhalslauten verstanden, die sich gegenüber anderen mit ihnen verwandten Instrumenten durch mehrere Merkmale unterscheiden:
- Zargenkorpus mit zum Unterklotz hin abnehmender Zargenbreite
- Decke mit birnen-, tropfen-, lauten- oder glockenlängsschnittigem Umriß und Schalloch
- außermittig, nur unter der linken Seite (Diskantseite) des Griffbrettes liegender Hals
- Wirbelkasten mit Flankenwirbeln
- Griffbrett mit fest eingelassenen Bünden
- unterständige Saitenbefestigung
- Metallbesaitung
- Zupfspielart (Plektrum- oder Fingerspielweise)
Die Veränderung der Zargenbreite - bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts verjüngt sie sich zum Unterklotz hin - ist ein charakteristisches Merkmal der Zistern. Der Grad der Abnahme (= Verhältnis von Zargenbreite am Halsansatz zu Zargenbreite am Unterklotz) weist für die einzelnen Entwicklungsstadien relativ konstante Werte auf, so daß anhand dieses Merkmals eine Hypothese zu Entstehungszeit und Provenienz erstellt werden kann.
Zisternhals: Thüringer Zister, Johann Wolfgang Wolf, Crawinkel 1798 Zisternhals (Thüringer Zister, Johann Wolfgang Wolf, Crawinkel 1798; Inv.-Nr. 635): Der schmale Hals liegt nur unter der linken Seite (d.h. der Diskantseite) des Griffbretts
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Deutschland als Zithern ausschließlich Kastenhalslauten im oben definierten Sinne verstanden. Erst aus der Anwendung des Namens auf die Nachkommen der Scheitholte, die später dann Salzburger und Mittenwalder Zither heißen, ergaben sich terminologische Probleme. (Es ist kein Ausnahmefall, daß mit der Ausgliederung eines Musikinstruments aus dem Instrumentarium einer Region und Zeit das Instrument zwar verschwindet, der Name aber erhalten bleibt, indem er auf ein anderes, meist neues Klangwerkzeug übergeht.)
Johann Christoph Weigel: Musicalisches Theatrum, Nürnberg, etwa 1715/1725: "Guitar-Spieler" (Ausschnitt) Johann Christoph Weigel: Musicalisches Theatrum, Nürnberg, etwa 1715/1725: "Guitar-Spieler" (Ausschnitt); Bergmann in Zunftgewand, stehend Zister spielend; Spielhaltung mit Federkiel. Als Vorbild diente möglicherweise Taf. 17 "Citharoedus metallicus. Ein Bergsänger" aus Christoph Weigels "Abbildung und Beschreibung derer sämtlichen Berg-Wercks-Beamten und Bedienten", Nürnberg 1721, lateinische Ausgabe dieses Buches etwa 1710 ( vgl. Michel 1992, S. 34ff.)
Da es bei der Entwicklung der Zister zu keiner ergologischen Endform oder relativen Standardisierung - wie etwa bei Mandoline oder Gitarre - kam, müssen diese Beschreibungsmerkmale immer im Zusammenhang mit den individuellen historischen Definitionen gesehen werden, so daß auch Instrumente mit Modifikationen in einem oder mehreren der Merkmale zur Kategorie der Zistern zählen können.
Signifikante Typen von Deckenumrissen bei Zistern
Signifikante Typen von Deckenumrissen bei Zistern
1. Umriß der norditalienischen Zistern (Padua, Brescia) aus dem 16. Jahrhundert mit gerader Flanke
2. glockenförmiger Umriß
3. Umriß der sächsischen Theorbenzistern des 18. Jahrhunderts
4. / 5. Korpusform von englischen, französischen und flandrischen Zistern aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
6. birnenförmiger Deckenumriß
7. tropfenförmiger Deckenumriß
8. lautenförmiger Deckenumriß
Bei den für die Typisierung der Korpusumrisse herangezogenen Vergleichsobjekten wird immer vom Längsschnitt ausgegangen (die exakten Bezeichnungen müßten eigentlich "birnenlängsschnittig", "glockenlängsschnittig" usw. lauten).
Terminologie
Der historische Name für das Instrument lautete bis etwa zum Beginn des 19. Jahrhunderts Zither (bzw. mittelhochdeutsch Zitter und Cither).
Weitere historisch belegte Schreibweisen: Citer, Cithar, Citter, Cythar, Cyther, Cytthar, Siter, Ziethar, Ziter, Zithar, Zütter, Zyther (siehe Michel 1989a, S. 10ff.)
Als Diminutivformen treten davon abgeleitet Zitterlein, Zitrinlein, Zitrinchen auf.
Weitere Schreibweisen: Citherlein, Citerlein, Cytherlein, Zitrinlein, Cithrinchen, Citherinchen, Citringen, Cytrinchen, Ziterinchen, Zittrinchen, Zytrinchen, Zittarche, Citharinichen, Cytharingen, Citheringen, Cythringen, Zyterchen, Zythringen; (siehe Michel 1989a, S. 16f.)
Um mögliche Verwechslungen zu vermeiden, erhielten die in einigen Rückzugsgebieten konservierten Zistern Namenszusätze wie Halszither, Waldzither, Thüringer Zither, Harzer Zither u.a.
Die Instrumentenkunde gebraucht die aus dem französischen cistre abgeleiteten Namen Cister, Sister oder - in moderner Schreibweise, nach den Gesetzen der Lautumbildung vom Französischen ins Deutsche - Zister.
Helmut Schultz (1929, S. 40, 47, 57, 59/60; 1931, S. 113/14) hat als erster in der deutschsprachigen Organologie die Schreibweise "Zister" gebraucht. Vereinzelt und inkonsistent wird die Schreibweise mit "Z" von verschiedenen Autoren auch bereits früher verwendet (Hellriegel 1808, S. 21; Kinsky 1910, S. 82; Deutsches Dante-Jahrbuch, Bd. V/VI, Leipzig 1920, S. 105/06; Schlosser 1920, S. 26; Schlosser 1922, S. 16).
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© STUDIA INSTRUMENTORUM MUSICAE 2001