Richard Jacob Weißgerber -  Leben, Werk und Wirkung
Kolloquium des Studienganges Musikinstrumentenbau Markneukirchen, 16. bis 18. Juli 2010
 
Am 17. Juli 2010 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Richard Jacob "Weißgerber". Aus diesem Anlass veranstaltete der Studiengang Musikinstrumentenbau Markneukirchen ein Kolloquium zu Leben, Werk und Wirkung dieses bedeutenden Gitarrenbauers.
Die Beiträge des Kolloquiums widmeten sich aktuellen Forschungsergebnissen, Analysen zu Instrumenten, dem Phänomen "Weißgerber-Klang", der Präsenz von Instrumenten und Nachlässen Richard Jacobs in Musikinstrumentenmuseen, der Geschichte des Gitarrenbaus in Deutschland sowie weiteren Fragestellungen.
 
Christian Ahrens (Bochum): Die Gitarre im klassischen und nachklassischen Weimar
Daß die Gitarre zur Zeit Goethes in Weimar eine besondere Rolle spielte, bezeugen literarische Quellen; an einschlägigem Notenmaterial herrscht freilich ein eklatanter Mangel. Anhand archivalischer Quellen läßt sich nun aber zeigen, daß die Gitarre zwischen ca. 1770 und 1850 in der Tat häufig im öffentlichen kulturellen Leben der Residenzstadt Verwendung fand. Allerdings scheinen ‚normale’ Gitarren-Konzerte nicht so zahlreich gewesen zu sein, wie man es aufgrund der Verbreitung des Instruments in den bürgerlichen und adligen Kreisen annehmen könnte. Dafür setzte man sie in einer gleichsam usuellen Praxis ein. Einerseits in Einschüben von Ballettmusiken mit Gitarrenpartien in Opern, für die der Komponist gar kein Ballett vorgesehen hatte und in denen die Gitarre nicht vorgeschrieben war. Andererseits in Konzerteinlagen, die zwischen den Akten von Schauspielen und Opern vorgetragen wurden. Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß dabei in einem nicht näher zu bestimmenden Umfang improvisiert wurde. Da das (Groß-) Herzogspaar und weitere Familienmitglieder in der Regel an diesen Veranstaltungen teilnahmen, muß man davon ausgehen, daß diese besondere Art der Nutzung der Gitarre in Weimar das „allerhöchste Wohlwollen“ fand. Eine Veranlassung, daran etwas zu verändern, bestand demnach nicht.
That the guitar played an important role at the time of Goethe is proved by literary sources; however, appropriate sheet music is strikingly missing. Archival sources though show that the guitar was often used in a public cultural royal seat between about 1770 and 1850. It seems that “normal” guitar concerts did not often take place although one could assume this due to the spread of the instrument in the bourgeois and aristocratic circles. Instead they were employed in a ‘usual practice’. On the one hand ballet music with parts of guitar was inserted in operas even though the composer did not envision it. On the other hand in concerts which were presented between acts of plays and operas. There are good reasons for the assumption that these parts were improvised even though at this point they cannot be defined exactly. As the (Grand) royal couple and more family members attended these events one has to assume that this special use of the guitar in Weimar found the “highest goodwill”. Hence, there was no reason to change anything.
Angela Waltner (Berlin): Ist Richard Jacob noch aktuell? Gedanken zu Philosophie und Klang der Weißgerber-Gitarren
Die Gitarre als ernst zu nehmendes Konzertinstrument ist als solches relativ jung und seit Jahren in einem besonders lebhaften Entwicklungsprozess begriffen. Für den Gitarrenbauer existieren bei seiner Suche nach dem Klang bislang keine allgemein anerkannten Referenzinstrumente. Dies gilt einerseits hinsichtlich der Anforderungen im Konzertbetrieb, insbesondere der Tragfähigkeit, andererseits hinsichtlich der Klangqualität. Die Entwicklung einer visionären Klangvorstellung ist daher die Voraussetzung für weitere Zielstellungen. Eine mögliche Klangvisionen für die Gitarre macht der Psychoakustiker Dr. Friedrich Blutner in dem aus der Philosophie entlehnten Dualismus einer apollinischen beziehungsweise dionysischen Ausprägung aus.
Der Beitrag, den die Instrumente Richard Jacobs für eine weitere Entwicklung der Konzertgitarre leisten können, soll in diesem Referat thematisiert werden. Weißgerber-Gitarren sind geprägt von einer äußerst individuellen klanglichen (und gestalterischen) Handschrift. Eine Einordnung erfolgt daher sowohl aus dem Blickwinkel ihrer Klangcharakteristik als auch des geistigen Hintergrunds des vogtländischen Gitarrenbauers.
A concert instrument still relatively young in terms of it being taken seriously, the guitar has been in a particularly lively developmental process for years. The modern Luthier in search of a "Sound", has no generally recognized reference instrument at his/her disposal. This is due, on the one hand, to the demands of the concert business, particularly as it regards the instrument’s projection capability; on the other hand, it is due to varying notions of the sound quality. The development of a visionary sound ideal can thus be seen as the presupposition for the further establishment of aims. The psycho-acoustician, Dr. Frederick Blutner, presents a possible aural vision for the guitar in the dualism stemming from the philosophical notions of the Apollinian and/or Dionysian influences.
This lecture will concern itself with the instruments of Richard Jacob – that is, to the extent to which they could potentially contribute to the further development of the classical guitar. Weißgerber guitars are characterised by a strikingly individualistic tonal and formative signature. A classification will ensue from the point of view of its tonal characteristic as well as the humanistic background of the Vogtland-bread luthier.
Heidi von Rüden (Berlin): Gitarren mit Basssaiten von Richard Jacob und Karl Müller
Richard Jacob und Karl Müller waren Zeitgenossen und übten den Beruf des Gitarrenbauers aus. Es lagen nur sieben Jahre zwischen der Geschäftseröffnung von Karl Müller in Augsburg (1898) und dem Beginn der selbständigen Tätigkeit Richard Jacobs in Markneukirchen (1905). Beide haben an ihren jeweiligen Standorten auf verschiedene Art und Weise zur Förderung der Gitarrenmusik beigetragen. Im Aufsatz steht die Gitarre mit zusätzlich angebrachten Basssaiten im Mittelpunkt. Diesen besonderen Gitarrentyp kann man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Angebot vieler Gitarrenbauer finden. Anhand von verschiedenen Quellen, z.B. erhaltenen Instrumenten, Zeichnungen oder Werbeanzeigen lassen sich etliche Unterschiede in den Arbeiten Jacobs und Müllers darstellen. Ein weiterer Aspekt ist die komponierte Musik, die bereits im 19. Jahrhundert Gitarren mit einem größeren Tonumfang forderte. Warum die Gitarre mit hinzugefügten Basssaiten eine Sonderform geblieben ist, die heute nur sehr vereinzelt in Erscheinung tritt, und ob die Erweiterung des Tonumfangs tatsächlich die Ursache für die Veränderung der Gitarre ist, wird von verschiedenen Seiten hinterfragt.
Richard Jacob and Karl Müller were contemporaries. Both practiced the guitarmaker job. Inbetween the launching of the workshop from Karl Müller in Augsburg (1898) and the beginning of the independent business from Richard Jacob in Markneukirchen (1905) are lying just seven years. In current locations the two developed their own positions which contributed the furtherance of the guitarmusic in different ways, at the first half of the 20th century. In this article the guitar with additional bass-strings is of interest. This apparently rare guitar-type one can find on special offers of many guitarmakers from this period of time. Different sources e.g. preserved instruments, drawings or advertisements show contrasts in the work of Jacob and Müller. Another aspect is the composed music, which already at the first half of the 19th century required guitars, with a mounted range of tones. The still exceptional position of the guitar with added strings in the bass register, will be discussed. The real reason for the increased range of the guitar and the nowadays relatively rare spread of this instrument will be queried.
Andreas Michel (Leipzig): Beobachtungen zum Formstil von Weißgerber-Gitarren im Kontext der europäischen Kunst- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts
Richard Jacob Weißgerbers Werk besticht durch eine immense Vielfalt an Formen und gestalterischen Lösungen. Dutzende von Modellen in einer fast unüberschaubaren Zahl an Varianten und individuellen Gestaltungslösungen sind heute bekannt. Weißgerber scheint in seiner großen Kreativität eine ausgesprochene Freude an Verzierungen und Dekor gehabt zu haben. Neben seiner Arbeit am Klangbild der Instrumente ist dieser Aspekt sehr auffällig und wohl für einen Instrumentenbauer eher eine Ausnahme. Der Beitrag zum Formstil von Weißgerber-Gitarren soll das Werk Richard Jacobs im Kontext der europäischen Kunst- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts beleuchten. Dabei werden einige grundsätzliche stilistische Tendenzen im Schaffen Richard Jacobs beobachtet: Historismus, Ansätze historischen Instrumentenbaus, stilistischer Eklektizismus in der Tradition des vogtländischen Gitarrenbaus, Formexperimente aus gestaltungstheoretischen Überlegungen, Jugendstil, Funktionalismus.
The guitars of Richard Jacob Weissgerber show a great variety of shapes and designs. Dozens of models and an almost unbelievable number of variations and individual designs are known today. It seems that Weissgerber enjoyed working with decoration and ornaments. This aspect is very remarkable for an instrument maker besides his work on the guitar’s acoustical properties. This essay will discuss the work of Richard Jacob in the context of the European art and design history in the 20th century. Some general features of stylistic tendencies will be described: historicism, approaches to historical instrument making, eclecticism in the lutherie tradition of the Vogtland (a region in Saxony), experimental forms, Art Nouveau, functionalism.
Eberhard Meinel (Markneukirchen): Ergebnisse akustischer Untersuchungen an Weißgerber-Gitarren
Forschungsarbeiten am Studiengang Musikinstrumentenbau Markneukirchen über Weißgerber-Gitarren schließen neben Maßanalysen auch akustische Untersuchung ein. Erfasst werden dabei standardmäßig Deckenschwingungen und Schallabstrahlung, um aus den Resonanzeigenschaften objektive Aussagen zum Klang zu gewinnen. Der vorliegende Beitrag basiert im Wesentlichen auf Messungen, die in Kooperation mit dem Iinstitut für Musikinstrumentenforschung Zwota an Instrumenten der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums der Universität Leipzig vorgenommen wurden. Neben allgemeinen Betrachtungen zu den Messverfahren werden auch nichtakustische Einflussfaktoren auf die Klangwahrnehmung diskutiert und anhand von Frequenzkurvenanalysen und Merkmals-Diagrammen Vergleiche von Nachbauten zu historischen und spanischen Originalinstrumenten vorgenommen sowie nach Besonderheiten des so genannten Weißgerber-Klanges gesucht.
Research at the Department of Musical Instrument Making about Weißgerber-guitars include volumetric and acoustical analyses. Vibrations of the top and the radiation of sound are standard measurements in order to get objective information about resonances and sound qualities. This paper concentrates on measurements that were taken of musical instruments in the collection of the Musical Instruments Museum of the University of Leipzig, and in cooperation with the IfM Zwota. General aspects of measuring methods and non-acoustical influences on the perception of sound will be discussed. Original Spanish instruments and their copies will be compared using frequency response analysis and characteristic diagrams. And finally, we will try to find out what makes the typical “Weissgerber” sound.
Christoph Sembdner (Weimar): Der Nachbau einer Weißgerber-Gitarre Modell "Strad" (Nr. 36.1.7.) – Einflüsse von Weißgerber-Konstruktionsmerkmalen auf den späteren Gitarrenbau
Im ersten Teil des Beitrages wird die Methodik der Vermessung einer Weißgerbergitarre als Vorbereitung eines Nachbaus beschrieben. Es folgt eine Bilddokumentation mit Gesamt- und Detailaufnahmen des Originalinstruments. Anschließend wird die Auswahl der Materialien für den Nachbau erörtert. Im Hauptteil des Beitrages erfolgt die Beschreibung und bildliche Darstellung des Nachbaus mit Angabe aller wichtigen Maße. Es werden die Arbeitsmethoden erläutert, Modifikationen gegenüber dem Original benannt und begründet und das Ergebnis bewertet. Abschließend werden Einflüsse verschiedener Konstruktionsmerkmale von Weißgerber-Gitarren auf das eigene Schaffen beleuchtet.
Johannes Schenk (Missen/Allgäu): Das Strad-Modell: Weißgerber zwischen Klassik und Moderne
Sieben Weissgerber- Gitarren des Modells „Strad“ wurden 2004/2005 dokumentiert und verglichen. Richard Jacob hatte diese Instrumente in den schweren Nachkriegsjahren 1945 bis 1950 gebaut. Sein erster Sohn Arnold und designierter Nachfolger war gefallen und Markneukirchen lag im absoluten Sperrgebiet. Basierend auf einer nüchtern-schlichten Umrissform variierte der Erbauer einzelne Merkmale des Modells. Typisch sind Hohlkehlen an Decke und Boden sowie die Kombination von Fichte und Ahorn. Dekor wurde reduziert, Wölbungen variiert und mit Randüberständen experimentiert. Weißgerber besann sich auf klassische Merkmale und Methoden des deutsch-italienischen Lauten- und Geigenbaus. Gleichzeitig versuchte er, die Spanische Konzertgitarre weiterzuentwickeln und für neue Stile und Strömungen zu öffnen. Als direkte Vorbilder müssen neben Stradivaris Geigen und Barockgitarren auch Zeitgenossen Weissgerbers beachtet werden, besonders die amerikanische Firma Martin mit ihren „Dreadnought“ Modellen. Eine einheitliche akustische Festlegung und Abstimmung der Hohlraum- und Deckenresonanzen gibt dem Modell seinen eigenen Charakter. Dies weist Richard Jacob als eigenständig kreativen und visionären Gestalter im Gitarrenbau aus. Das folgende große Konzert Solo-Modell ist damit vorbereitet, Weissgerbers Spätwerk begonnen. Das Strad-Modell Nr. 3656 aus der Sammlung des Leipziger Grassi-Museums diente 2005 als Vorbild für einen Nachbau.
Seven Weissgerber-guitars called „Strad“ were documented and compared in 2004 and 2005. Richard Jacob designed and built these instruments between 1945 and 1950. World War II had taken his first son and designated successor Arnold. Also, Markneukirchen was part of an absolute blockade zone. Based on a simple and modest form, single features were changed by the constructor. The use of grooved tops and bottoms of maple and spruce are typical characteristics. The dome of the top varies a lot and all decoration was reduced. Going back to the roots of German and Italian Lute- and Violinmaking, Jacob strived to develop the Spanish guitar and open it for new styles and tendencies. Besides Stradivaris violins and baroque guitars, contemporary guitars such as Martins Dreadnought models must be considered as direct inspiration for Weissgerber. By defining and tuning the main resonances, these guitars were given a corporate identity. Richard Jacob prooved himself as an inventive designer and had thereby entered his third period which brought his best and last guitars. A copy of the Strad 3656 from the museum Grassi in Leipzig was made in 2005.
Siegfried Hogenmüller (Karlstein): Parallelwelten: Torres/Arias und Hauser/Weißgerber - eine Betrachtung
 
 
Thomas Ochs (Kemmern): Das Modell Rekord – Paradigma für das Ende einer Tradition?
 
 
Günter Weber (Saarbrücken): Klangcharakteristika des Wiener- und des Torres-Modells von Richard Jacob
Letztendlich hat Richard Jacob – noch mehr als Hermann Hauser I, der sich eng an der Torres-Gitarre von Miguel Llobet (FE 09) orientierte - ein eigenes Klangideal verfolgt. Die von Torres begründete Klangästhetik verleiht jeder Einzelsaite des Instruments eine eigene Farbe und Stimme. Dies ergibt den besonderen spanischen Charme dieser Gitarren. Das von Richard Jacob verfolgte Klangideal ist ein eher pianistisches Ideal des Gleichgewichts der Saiten. Man könnte daher auch von den Steinways der Gitarre sprechen. Der Tycoon der deutschen Gitarrenszene Siegfried Behrend suchte und fand als gelernter Cembalist diesen ausgewogenen Klang, der sich besonders gut für die Interpretation polyphoner und neuerer Musik eignet. Von den großen Gitarristen war er der Einzige, der zeitlebens Weißgerber spielte und auch bis zum Tode des Meisters mit ihm in engem Kontakt stand. Die Skala der Klangfärbungen der verschiedenen Gitarrentypen Weißgerbers vom kleinen Wiener Damenmodell bis zur großen Torres ist dabei vielfältig, jedoch bleibt bei allen unterschiedlichen Konstruktionsmerkmalen (Deckengröße, Zargenbreite, Form, Beleistung, Hölzer etc.) der typischer Weißgerber-Klang immer feststellbar.
Es werden zwei Instrumente vorgestellt, die die beiden Enden dieser Bandbreite sehr gut repräsentieren vor: das Wiener Modell - Baujahr 1921 op. Nr. 22.6/8 sowie das Torres Modell Baujahr 1928/1959 op. Nr. 28.9/8. Er vergleicht beide Instrumente, insbesondere was die Deckenflächen, anbelangt mit modernen Instrumenten sowie Instrumenten von Antonio de Torres und stellt Richard Jacobs einzigartigen individualistischen Ansatz heraus. Weber lässt beide Modelle erklingen und spielt 6 Etuden von Fernando Sor auf dem Wiener Modell und die 5 Präludien von Heitor Villa Lobos auf dem großen Torres Modell.
 
 
 
Studiengang Musikinstrumentenbau Markneukirchen
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